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Argentiniens Elendsviertel beherbergen 2,5 Millionen Menschen

Die Wohnsituation in Argentinien hat sich laut einer Studie der Nichtregierungsorganisation Techo in den letzten Jahren nicht oder nur wenig verbessert. Im ersten groß angelegten Zensus von informellen Siedlungen ermittelte die Organisation 2,5 Millionen Menschen, die in Elendsvierteln leben. In Argentinien werden die Armutsquartiere meist "villa miseria" ("Elends-Dorf") genannt, wobei der Name auf einen bekannten Roman von Bernardo Verbitsky (Villa Miseria también es América) zurückgeht.

Das ursprünglich aus Chile stammende Projekt Techo, das günstige und teils spendenfinanzierte Fertighäuser für die Ärmsten baut, unterscheidet dabei drei Typen von Elendsvierteln: "villas", bei denen die Hütten ungeordnet, eng gedrängt und ohne klare Straßenzüge auf innerstädtischen Flächen stehen, "asentamientos", die ein festes Straßennetz besitzen, und "barrios populares", wobei es sich um prekäre Sozialwohnungsviertel mit defizitärer Infrastruktur handelt. Die meisten Elendsviertel gehören zum Typ der "asentamientos", die sich meist an der Peripherie der Städte unkontrolliert bilden. Die "villas" hingegen entstehen oft im zentralen Bereich der Städte und haben meist eine sehr hohe Bevölkerungsdichte - ein bekanntes Beispiel ist die "Villa 31" in Buenos Aires neben dem Bahnhof Retiro, die mit etwa 30.000 Einwohnern zu den größten des Landes gehört.

Die meisten Elendsviertel ballt der Großraum Buenos Aires: dort gibt es 680 Elendsviertel, von denen 56 in der Stadt Buenos Aires und der Rest in den Vororten zu finden sind. Auf dem zweiten Platz liegt der Großraum Rosario mit 172 informellen Quartieren, in Córdoba sind es 134. Die Infrastruktur in den Elendsvierteln ist miserabel: 64 Prozent werden bei Regenfällen überschwemmt, 95% besitzen kein Abwassersystem und nur 10 Prozent besitzen einen regulären Wasseranschluss.

Zwar gibt es mehrere staatliche Sozialwohnungsprogramme, die jedoch die Wohnungsnot nur wenig lindern können. So bemüht sich seit 1996 das Stadtteilverbesserungsprogramm PROMEBA als Flaggschiff um eine Normalisierung der Infrastruktur und eine Legalisierung des Grundbesitzes in den Armenvierteln, es erfasst jedoch weniger als ein Zehntel der Elendsquartiere und kommt nur langsam voran. Mit dem ambitionierten Procrear-Programm vergibt die Regierung seit 2012 immerhin einige Hunderttausend günstige Kredite an Hausbauer mit geringen Ressourcen, doch auch diese Initiative deckt die Nachfrage bei weitem nicht - wegen des Andrangs müssen die Kredite verlost werden. Auch die private Bauwirtschaft befindet sich - zum Teil infolge der Devisenrestriktionen - im Abschwung und bedient praktisch nur noch das Hochpreis-Segment, wodurch sie kaum zur Linderung der Wohnungsnot der Unterschicht beiträgt.

Da keine vergleichbare ältere Studie existiert, ist ein Vergleich der Ergebnisse der Techo-Studie mit früheren Zeiträumen schwer. Eine Schätzung der Universität General Sarmiento von 2010 kommt für dieses Jahr auf "nur" 2 Millionen Elendsviertel-Bewohner. Danach hätte sich die Zahl um 500.000 erhöht. Wegen Unterschieden in der Methodik (Techo zählt auch einige staatliche Sozialviertel) wäre dies jedoch wenig aussagekräftig. Sicher ist, dass in Argentinien trotz des Wirtschaftswachstums der letzten Jahre weiter eine umfangreiche, von struktureller Armut geplagte Unterschicht ohne Zugang zu regulärem Wohnraum existiert, die etwa fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht. Eine klare Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht.

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